Franziskanerinnen von Reute
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Einweihung der neuen Gut - Betha Pilgerstätte

Mit großer Freude und Dankbarkeit konnten wir am Freitag den 6. Juli 07 unsere neue Gut - Betha Pilgerstätte einweihen. Zu diesem besonderen Anlass waren Gäste aus Politik und Kirche, unser Freundeskreis, die an der Baumaßnahme beteiligten Firmen, Mitarbeiter und Schwestern eingeladen. Unsere Generaloberin Schw. Paulin begrüßte die Gäste in der Pfarr- und Wallfahrtskirche in Reute und brachte in einem Vortrag die Gute Beth den Anwesenden nahe.

Danach zogen wir, vorbei am Grab der Guten Beth, in Prozession zur Pilgerstätte. Diese wurde durch Superior Martin Sayer eingeweiht. Alle waren eingeladen die neuen Räume zu besichtigen und sich anschließend bei einem Stehempfang zu begegnen.

Den genialen Vortrag finden Sie im Anschluß an die Bilder.











Eröffnung der Pilgerstätte – 06. Juli 2007 am Klosterberg, Reute
Vortrag von Sr. Paulin Link

Die Gute Beth
Am 25. November 1386 in Waldsee geboren.
Am 25. November 1420 in Reute gestorben.

Ein kurzes Leben – ein kleiner Lebenskreis und lebendig bis heute.

Konrad Kügelin wollte seiner Guten Beth eine erlesene Ruhestätte geben. Deshalb wurde sie in einem altartischartig aufgemauerten Hochgrab im Mittelschiff der Pfarrkirche zu Reute bestattet. Vier Stufen führten zu einem rechteckigen Grabstein, auf welchem in ganzer Länge ein Relief mit dem Bild der Entschlafenen eingemeißelt war. Beidseitig war in lateinischen Minuskeln folgender Text angebracht: „Im Jahr des Herrn 1420, gerade am Tag der heiligen Katharina, starb Elisabeth Achler aus Waldsee, eingeschlossene Jungfrau in Reute. Sie zeichnete sich durch verschiedene Wunder aus, vor allem wegen der an ihr sichtbar gewordenen Wundmale Christi. Zwölf Jahre lang bedurfte sie keiner Erquickung wie Nahrung, Schlaf oder Notwendigem sonst. – Beichtvater der Gottgeweihten war Konrad Kügelin, Ordensmann und Propst in Waldsee, der die vorgenannte Klause gegründet hat“ (Otto Beck, Die Gute Beth, S. 6). Die Grabstätte war sehr bald beliebtes Pilgerziel. Arm und Reich kamen zum Grab der einfachen Schwester, um ihre Fürbitten vorzubringen.

1623 wurde das Grab geöffnet. Die Gebeine waren wohl erhalten und das nach 203 Ruhejahren. Damit wuchs die Wallfahrt ins fast Unmessbare. Allein 1625 zogen 108 Gemeinden mit Kreuz und Fahnen zur Guten Beth. 1800 Messen wurden gefeiert, an einem einzigen Tag waren es 24 mit 6000 Wallfahrern. Der wachsende Zustrom der Wallfahrer gab Anlass zum Neubau der Wallfahrtskirche, die 1634 fertig gestellt wurde.

Von vielen Wunderzeichen wird uns berichtet: Blinde sehen, Lahme gehen, Sünder kehren um. Vieles davon ist nachzulesen, bezeugt in den Aussagen zu ihrem Seligsprechungsprozess.

Menschen finden in ihrer Not einen Ort, wo sie Zuflucht finden. Elisabeth Achler wurde als Gute Beth in allen erdenklichen Nöten des Leibes und der Seele aufgesucht. Mütter brachten ihre Kinder, Kranke suchten Hilfe, bei Sorgen um Haus und Hof ging man voll Vertrauen zu ihr.

Am 19. Juli 1766 wird die Gute Beth selig gesprochen. Rund 150 000 Gläubige kamen 1767 zur Seligsprechungsfeier nach Reute, die neun Tage dauerte. Nochmals so viele waren bei der Hundertjahrfeier 1867 versammelt. An die 60 000 Besucher waren 1921 zur Guten Beth gepilgert. Von über zehntausend Votivtafeln aus Wachs ist im Pfarrarchiv zu lesen, die nach der Seligsprechungsfeier zu Kerzen eingeschmolzen wurden. Außerdem erfährt man von Krückenverbrennungen, weil die Lagerräume der Kirche überquollen von Dankgaben an die Gute Beth.

Wer war die Gute Beth? Wer kennt sie jenseits der schwäbischen Grenzen?
Sie ist eine bescheidene Heilige, die nicht viel aus sich macht und dennoch eine treue Anhängerschaft hat. Sie ist Franziskanerin und Mystikerin. Sie ist unsere Große Schwester und sie macht nachdenklich.
Eine Frau – verehrt vom Volk, das ihr auch den Namen gibt, die sie auszeichnet: „die Gute“. Kügelin nennt sie in der Lebensvita immer die „liebe Betha“. Das Volk spricht von der Guten Beth. Kein Mensch sagt Schwester Elisabeth.
Augustin Heitele bemerkt in seinem Buch 1855 „Täglich wuchs die Achtung und die Verehrung der Hochbegnadeten bei Hoch und Nieder; ihr Name war in aller Mund. Für die vielen Wohltaten, welche nicht wenigen an Leib und Seele auf ihren Rat und ihr Gebet hin zuteil geworden sind, hieß sie in der ganzen Umgegend geradezu: „die Gute Betha“. Der Name blieb ihr – die „Gute“, das meint Nähe, Wärme, Menschlichkeit und Verstehen, meint seelische Größe und Absichtslosigkeit.

Was macht sie aus? Welche Botschaft hat sie heute für uns Menschen des 21. Jahrhunderts? Es gibt viele unterschiedliche Zugänge. Heute, da wir die Pilgerstätte einweihen, scheint es mir angebracht, ihr Leben mit dem unsrigen in Berührung zu bringen.
Es ist nicht zu übertragen, noch weniger nachzuahmen. Aber es ist ein Spiegel, in dem wir Zusammenhänge entdecken können, Lebensspuren erkennen und Vieles über uns Menschen in Erfahrung bringen.

1) Die Gute Beth – eine Frau, die Beziehung lebt
Sie hat das gelernt in der Familie.
Der Webermeister Johann und seine Frau Anna hatten eine zahlreiche Kinderschar. Gesellen und Lehrlinge gehörten mit zum Hauswesen. In Beziehung leben … das fängt früh an.

Sie hat Beziehung erlebt in der Gemeinde, in der Mitfeier des Kirchenjahrs, der Gottesdienste, der Bräuche und Riten. Sie wurde begleitet von Propst Kügelin, der ihren Eifer und ihre Aufrichtigkeit bemerkte, der sie ermutigte, ihre Berufung zu leben und ihr dabei ein treuer Weggefährte blieb.
Leben in Beziehung – die Lehrjahre bei einer Frau, die dem dritten Orden des Hl. Franz angehörte waren hart für Elisabeth. Sehr ärmlich lebten die beiden Frauen in der Weberstube, die Wohn- und Schlafstätte zugleich war.
Gemeinsames Beten, gemeinsame Arbeit bestimmten das Leben. Und sie lernte nicht nur Weben, sondern auch dieses Leben mit den Berichten des Lebens Jesu und der Heiligen in Verbindung zu bringen.
Beziehung leben hatte nach 17 Lebensjahren eine eigene Form in der Klause in Reute
- mit 4 Frauen hier ein Leben nach dem Evangelium, mit Kirche und Welt verbinden, den leidenden Jesus vor Augen und einer glühenden Liebe zu Gott und seiner Schöpfung.

2) Die Gute Beth – eine Frau, die ein Geheimnis bleibt
Da ist ihre Gottesbeziehung „Schone mich nicht“ „traust du dich nicht an mich“ Ihre Wundmale
Kügelin schreibt „ich sah Löcher in ihren Händen und Füßen, als wären sie mit Nägeln durchgraben. Ich habe auch auf dem Haupt Löcher gesehen und Blutschweiß am ganzen Leib, als wäre sie mit Ruten geschlagen.“

Mit rationalen Argumenten und Kriterien sind solche Phänomene nicht zu ergründen – sie sind ein Geheimnis … Oder ihre Lebensweise: 12 Jahre ohne Speise! Dazu die Ekstasen: oft war sie 2 - 3 Tage völlig entrückt, der Leib ohne Sinne, ohne Atem. Mystische Erfahrung voll Glück und danach die Sehnsucht, zu leiden! – Ein Geheimnis.
Und ein letztes – ihre Prophetie: hineinschauend in die Zeit- und Kirchengeschichte macht sie Mut: „Ich traue mir, am Martinstag werden wir wieder ein einigendes Oberhaupt haben.“

3) Und so bleibt sie eine Frau, die zeitlos ist und dabei anziehend bleibt
Das beste Beispiel sind Sie, wir heute abend versammelt …
… weil sie gelebt hat,
… weil sie ihren Platz in ihrer Zeit eingenommen hat (Deckengemälde)

Wir werden gleich zu ihrem Grab gehen – ich lade Sie ein, sich heute auch als Pilger zu verstehen.
Seit jeher hat der Mensch sein Leben als Pilgerschaft verstanden. Das Selbst-verständnis unseres menschlichen Lebens wird heute nicht nur im christlichen Bereich als Pilgerweg verstanden. Wer sein Leben als Pilgerschaft versteht, der bleibt nicht stehen, der ruht sich nicht auf Erfolgen aus. Menschen machen sich auf, um gehend sich näher zu kommen, um einen Ort, eine heilige Stätte aufzusuchen, an der Gottes Gegenwart dichter, wirksamer, heilsamer erfahren wird. Es gibt eine Sehnsucht in uns, die diese Erde und den Himmel zusammen bringen will.

Ich bin überzeugt: Reute ist so ein Ort, wo der Himmel die Erde berührt, weil es eben Menschen gab wie die Gute Beth. Seit über 600 Jahren kommen Menschen hier auf den Klosterberg zur Guten Beth.

Mit der Pilgerstätte wollten wir einen Ort schaffen, wo wir der Guten Beth nachspüren können, wo wir fragen und staunen können vor dem Geheimnis ihres Lebens, wo es Möglichkeiten gibt, die eigenen Erfahrungen miteinander auszutauschen, wo ich Schritte wagen darf – angeregt durch die Gute Beth – das Gute in meiner Umgebung zu sehen, zu fördern.

Ich lade Sie ein, dass wir jetzt sie, die „Gute“ besuchen …
• vielleicht etwas zu ihr bringen
• eine Bitte, eine Freude, eine Not
• zu singen: „selige Betha, schirme Dein Volk“ und dabei an die Vielen zu   denken, die auf dieser Welt leben in Armut und Reichtum …
• vielleicht aber auch einfach nur zu gehen – Zeit zu haben zum Nicht-Verzweckten, zum Menschsein

Wir gehen hintereinander an den Steinen entlang, die durchgekniet sind, vor zur Guten Beth, können kurz verweilen, sie grüßen und gehen an den Bänken entlang zum Ausgang.

Ein Pilgerweg geht dem Aufenthalt in der Pilgerstätte voraus – unser Pilgerweg heute ist verhältnismäßig kurz – aber wir gehen miteinander ein Stück Weg und werden einander zu Weggefährten.

Wir sammeln uns unten unter den Arkaden vor der Pilgerstätte.

 

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