Franziskanerinnen von Reute
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Die Situation im Nordosten von Brasilien nach Monaten der Überschwemmung

Sr. Myria berichtet:

Nachdem im Mai und Juni große Gebiete unserer Pfarrei unter Wasser standen, möchte ich heute, einige Monate danach ein wenig über die aktuelle Lage berichten.
Auf den Feldern und in den Niederungen war teilweise noch bis Ende August Wasser. Zwar war somit für die betroffenen Kleinbauern die Ernte sehr gering, dafür aber gab es einen großen Fisch- und Flusskrabbenreichtum. Es sind nur wenige, die wirklich jammern, denn das Volk ist es gewohnt, immer wieder trotz aller Nöte weitermachen zu müssen. Man versucht, sich mit dem zu ernähren, was es gibt, auch die Mangofrüchte gibt es dieses Jahr schon sehr früh und übermäßig, sie helfen als Zusatzkost. Sehr stark betroffene Familien bekommen für ein halbes Jahr von der Regierung monatlich eine finanzielle Hilfe. Das ist einerseits erfreulich, andererseits fördert es nicht unbedingt den Eigenantrieb und die Kreativität der Menschen.
Leider nehmen „assistentialistische“ Programme immer mehr zu. Dadurch werden die sozial-politischen Gruppen, denen daran liegt, „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu geben, geschwächt, - und die Leute sind mit diesen „Brosamen“ zufrieden. Besser als nichts, vor allem es ist ja umsonst…!
Insgesamt spüren wir, dass die ganz einfache Bevölkerung noch weniger an finanziellen Rücklagen hat, z.B. bei den Festen in der Pfarrei und den Kapellengemeinden, bei plötzlichen Krankheitsfällen usw. Die Leute versuchen sich im Allgemeinen einzuschränken, wo es nur möglich ist.
Die Pfarrei kümmert sich auch um Reis-Samen für die neue Ernte; hier spüren wir die noch bestehende Solidarität unter den Dörfern. Wer genügend Samen hat, ist bereit, den anderen kostenlos Samen abzugeben. Das ist sehr wichtig, denn die guten alten Samensorten, die auch resistenter sind, sind am Aussterben, die Agro-Industrie versucht so gut wie möglich, alles in ihren „Griff“ zu bekommen.

In den Stadtrandgebieten sind viele noch am Ausbessern ihrer Häuser. Die Stadt versprach allen, in deren Häuser Wasser eindrang, einen Lastwagen voll Erde. Das ist in vielen Fällen sehr wenig... Wer ein Steinhaus besitzt, hat es etwas leichter. Die Lehmhäuser wurden viel stärker beschädigt. Wir selber sind noch am Begleiten von einigen Familien, die mehr Erde brauchen, auch Holz für das Dach.
Heute Morgen besuchte ich das „Bairro 13“: Marcia und Dalton lernte ich kennen, als sie während der akuten Überschwemmung in der Notunterkunft neben dem Pfarrhaus waren, Marcia war im Mai mit ihrem neunten Kind schwanger. Inzwischen ist die kleine Maria Clara geboren, und noch lebt die ganze Familie zu elft in einem „Haus“, das aus einem einzigen Raum besteht, der als Schlafzimmer, Fernsehraum, Küche, Werkstatt für TV´s und andere elektrische Apparate,... dient. Mit finanzieller Hilfe (die wir dank der Hilfe von verschiedenen Spendern geben können) baut Dalton nun einen zweiten Raum an, und wird auch versuchen den Boden etwas zu erhöhen und mit Zement auszustreichen, dass wenn die Flut kommt, es wenigstens leichter ist, den Boden nach dem Abfließen der Flut zu trocknen.
Gecilene war mein zweites Ziel, sie war gerade dabei, den trockenen Lehm mit Wasser zu verkneten, um die Hauswände auszubessern. Sie ist inzwischen alleinerziehende Mutter von vier Kindern (sechs oder sieben weitere wurden und werden von Verwandten „großgezogen“). Was sie heute macht, ist Männerarbeit! Doch war sie schon so froh, dass wir ihr mit Lehm halfen.
Gleich daneben ist das Haus von Jacqueline, dort fand ich die ganze Familie an: Vater, Mutter mit einem Neugeborenen, weiteren vier Kindern, die Mutter am Stillen und eine „Comadre“ (Patin eines ihrer Kinder), die gerade den „Haushalt“ schmeißt, da Jaqueline nach der Geburt noch eine Operation hatte. Die Lehmwände bestehen mehr aus Löchern (mit Lumpen zugehängt) als aus Lehm. Antonio, ihr Mann hat den ersten Laster mit Lehm auf dem Boden ausgebreitet und gestampft, um diesen zu erhöhen, denn alle haben schon Angst, dass der Fluss in Bälde schon wieder seine Flut in diese Häuser am äußersten Rand der Peripherie treibt. Mir tat die junge Mutter und das Neugeborene leid, da der Wind sehr stark war. Hoffe, dass Antonio in den nächsten Tagen dann auch mit dem Ausbessern der Wände beginnt. Eigentlich sollte all dies schon vor der Geburt des Kleinen Tiago gemacht werden, doch es war einfach nirgends ein geeigneter Lehm aufzutreiben…
Im Bairro Tamarindeiro versuchen wir einer Familie unter die Arme zu greifen, damit sie endlich das angefangene Steinhäuschen aufrichten können, ihre Lehmwände stehen nur noch schief, beim geringsten Regen können sie einfallen.
Ein weiteres Projekt sind 20 Lehmhäuser im Bairro Corea, deren Lehmböden aufgefüllt und mit einer Zementschicht versehen werden. Ohne den Zement löst sich der Lehmfußboden bei der ersten Flut schon in Schlamm auf.
Es sind viele kleine Schritte, die zu machen sind, die jeweils Besuche in den Familien verlangen, damit die Hilfe gezielt an Mann, Frau und Kind kommt. Daneben darf jedoch der soziale Kampf um die richtige Anwendung der öffentlichen Gelder nicht zu kurz kommen, und für diese sozialen Fragen gibt es leider nur sehr wenig Interessierte, Engagierte und Freiwillige! Viele Strassen in die Dörfer hinaus und auch innerhalb des Stadtgebietes wurden noch nicht repariert. Gegenwärtig ist noch Trockenzeit, es gibt keinen Schlamm, dafür aber umso mehr Staub! Die öffentlichen, kommunalen Verantwortungsträger verhalten sich alle noch sehr still…Wahrscheinlich muss nächstes Jahr zu Regenzeitbeginn zuerst das Chaos kommen, damit sie Gelder fließen lassen und sich Stimmen für die Wahlen 2010 sichern!
Unsere Stadt Arari ist schon immer periodenweise von Hochwasser betroffen gewesen, es gäbe gewiss Wege, bessere Abhilfe zuschaffen, wenn die Verantwortlichen auf allen Ebenen wirklich ihre Mission und ihre Arbeit zuverlässig ausführen würden.

Am Schluss ihres Briefes dankt Sr. Myria allen, die mit ihrer Gabe sich für die Linderung der Not in diesen Gebieten engagiert haben – und auch für alle Zeichen der Solidarität und Verbundenheit.

 



Die Menschen in den Lehmhäusern hoffen, dass die Wände lange halten und die nächste Überschwemmung nicht kommt!

Plötzlich führt die Straße ins Wasser. Viele Straßen und Wege müssten dringend repariert werden.

„die Menschen versuchen sich im Allgemeinen einzuschränken, wo es nur möglich ist…“ Auch das Mädchen weiß sich mit sehr einfachem „Spielzeug“ zu beschäftigen.

Wer ein Steinhaus besitzt, hat es etwas leichter…

Die Menschen sind froh, dass Regen und Nässe vorbei sind und sie sich am Straßenrand wieder nachbarschaftlich treffen können.
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