Franziskanerinnen von Reute
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Überschwemmungen im Nordosten von Brasilien

5 Bundesstaaten im Nordosten von Brasilien waren seit April / Mai 09 von Überschwemmungen betroffen, das ist ein Gebiet von fast der Größe Europas. Im Bundesstaat Maranhao, in dem Franziskanerinnen von Reute im Einsatz sind, sind von 217 Städten 41 von der Überschwemmung betroffen; das sind diejenigen, die an Flüssen liegen. Über 50 000 Menschen sind / waren obdachlos.

Reisebericht Teil 2

Völlig abgeschnitten durch die Überschwemmung waren die Menschen im Interior, in den abgelegenen Dörfern. Problematisch ist das vor allem für Menschen, die krank sind und ärztliche Hilfe oder Medikamente brauchen bzw. bräuchten…! Die öffentliche Gesundheitsversorgung hatte zwar am Stadtrand eine zusätzliche Anlaufstelle eingerichtet, doch Bootsfahrten in die Dörfer übernahm sie nicht.
Sr. Teresinha, Ärztin aus Südmaranhao, hatte bei unserer Ankunft schon einige solcher Bootseinsätze gemacht, zusammen mit Sr. Myria, die ortskundig ist. Mit diesen beiden Schwestern machte ich mich für einen Tag auf den Weg in ein solch abgelegenes Gebiet.
Vor der Abfahrt hatten wir noch Zeit, die überschwemmte Gegend in den Blick zu nehmen. Der überschwemmte Teil zeigte sich wirklich als eine idyllische Seenlandschaft. Weniger idyllisch war es auf der Uferseite, auf der wir standen. Ein regelrechter Müllberg war entstanden von angeschwemmtem Zeug und leider nützten die nahe oder auch entfernter lebenden Anwohner diesen Anfang dann als ihre Müllhalde…!
Abgemagerte Hunde, Katzen und Aasgaier machten sich über die Beute her…
Nicht weit davon entfernt hatten sich Fischer eingefunden, sie hatten bequeme Sitzplätze auf angeschwemmten Sofas!
Inzwischen war unser Boot gerüstet. Die zwei Schwestern waren im Einsteigen schon geübt, während ich mit einem etwas „wackeligen“ Gefühl in das zunächst schaukelige Boot stieg.
Nachdem dann alles was mit musste, eingeladen war und alle ihren Sitzplatz eingenommen hatten - das waren außer uns Dreien der Steuermann und noch zwei Männer aus der Pfarrei - schwamm es sanft und friedlich dahin.
Noch friedlicher war es in den Phasen, in denen der Motor abgeschaltet werden musste und das Motorengeräusch auch weg war. Das war an den Stellen an denen es zu seicht war und die Ruder eingesetzt werden mussten, manchmal auch der „Stocher“, um voran zu kommen.
Eine gute Stunde dauerte unsere Fahrt. Landschaftlich war es nur schön – verschiedene Arten von Seerosen waren am Blühen, Vögel in den buntesten Farben waren unterwegs, zwischendurch erinnerte uns dann ein Holzzaun daran, dass wir ja eigentlich auf der Wiese fahren.
Im Dorf angekommen, konnten wir in der kleinen Dorfschule unsere „Praxis“ einrichten, das hieß zunächst den Raum sauber machen, auskehren. Unterricht war schon wochenlang nicht mehr, da alle Schulen als Notunterkünfte benützt wurden.
Ein paar Kinder wurden losgeschickt um zu rufen oder in die weiter abliegenden Hütten zu gehen und bekannt zu machen, dass eine „Frau Doktor“ da ist. Und es ging gar nicht lange, bis die Leute kamen mit allen möglichen Beschwerden. Auf den Tag verteilt waren es ca. 25 Patienten; einige, die nicht kommen konnten, besuchten wir am Nachmittag zuhause. Darunter war auch eine junge Frau, die schon fast nicht mehr reden konnte vor Zahnschmerzen. Sie sagte sie könne nicht schwimmen und traue sich nicht ins Boot. Sr. Teresinha gab ihr ein Medikament, das die Schmerzen lindern und die Entzündung eindämmen soll.

Ein Mann saß mit dick geschwollenem Bein in der Hütte. Beim Fischen hatte ihn ein giftiger Fisch erwischt. Dieses Tier hat einen Sporn, den es ins Fleisch einhakt und dann Gift spritzt.
Besonders eindrucksvoll war unser letzter Hausbesuch. Nachdem wir ein ganzes Stück durchs fast kniehohe Wasser gewatet waren, kamen wir zu einem Lehmhaus. Der kranke Mann saß unter dem Vordach, das Bein geschient, er hatte vor einiger Zeit Schienbein und Wadenbein gebrochen. Durch die Hochwassersituation hatte längere Zeit niemand mehr nach ihm geschaut. Er schaute recht freundlich und gelassen drein, auf seinen Krücken saß oder hüpfte ein kleiner Vogel, der wohl sein Freund und "Gesprächspartner“ ist.
Ihre Hütte ist inzwischen innen wieder wasserfrei. Die Frau zeigte uns den „zweiten Boden“ – eine Einrichtung, die in den Hütten wohl dazu gehört. Mit etwas Hochwasser müssen die Leute auch zur normalen Regenzeit rechnen. Auf diesem zweiten Boden (eine kleine „Empore“ aus Brettern, die ein Stück weit in den Raum hineinreicht) werden vor allem die Reissäcke gelagert, der Lebensmittelvorrat für eine lange Zeit. Auf diesen zweiten Boden musste die Frau ihren gehbehinderten Mann schaffen, als plötzlich das Wasser kam…!
Während wir uns noch bei dieser Familie aufhielten, war es bereits nach 16.00 Uhr. Auf 14.45 Uhr hatten wir unseren Bootsmann ans Ufer gebeten. Es fing an zu regnen und ich stellte mir schon die Rückfahrt im Boot bei Regen vor, außerdem wird es um 18.00 Uhr Nacht.
Doch bis wir in der Schule unsre Sachen gepackt hatten, kam Gott sei Dank die Sonne noch mal! Und wir erlebten wiederum eine wunderbare Rückfahrt, diesmal in der schon anbrechenden Abendstimmung.

Nachts, während ich unter dem Moskitonetz und einem sicheren Dach schlafen kann, sehe ich immer noch die Menschen vor mir in ihren mangelhaften Behausungen, rieche ihre feuchten Wände, höre die Moskitos, die diese lauwarme Feuchtigkeit sehr lieben…
Und spüre auch noch einmal die Gelassenheit, mit der viele der Besuchten diese belastenden Situationen nehmen, aber auch ihre Dankbarkeit darüber, dass jemand nach ihnen schaut und sie aufsucht.

Sr. Margot

 

 



Sr. Myria und Sr. Teresinha im Boot

Der Fischer macht Pause auf dem Sofa

Er zeigt uns seine gefangenen Fische

Die Müllhalde und ihren Gestank können wir für eine Weile zurück lassen

Eine wunderschöne Pflanzenwelt

ein Stück Zaun erinnert uns daran, dass wir auf einer Wiese fahren

Wenn es flacher wird muss man stochern

Manchmal wird es eng, da muss der Bootsmann gut steuern können

Ankunft im Dorf

Die kleine Schule dient als Arztpraxis

Zu den Patienten gehören auch viele Kinder

Sr. Myria (Krankenschwester) und Sr. Teresinha (Ärztin) arbeiten Hand in Hand

Große und kleine Leute schauen, was heute in der Schule los ist

Den Jungen wird das Warten nicht langweilig

Der Patient mit seinem geschientem Bein...

...und mit seinem Freund, dem kleinen Vogel

Viele Häuser stehen immer noch total im Wasser

Ein Kind auf dem "oberen Boden"

Es regnet

und wird dunkel

Auf dem Rückweg

Heimfahrt in der Abendstimmung

...und wieder durch den Engpass

Ein weiteres Boot kommt ans Ufer - die Menschen sind so froh, wie wir, dass sie heil ankommen ...
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