Der offene Himmel und die Taube
Vortrag zur Eröffnung des Zentrums für diakonisch-karitative Spiritualität im Kloster Reute von Anton Rotzetter OFMCap
Tabor – so soll das neue Zentrum für diakonisch-karitative Spiritualität heissen, das die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Reutener Franziskanerinnen gemeinsam in diesem Kloster errichten.
Tabor – ein Programm: ein Ort des offenen Himmels, der Transzendenz, des Gebetes, des Aufblicks und der Offenbarung; ein Ort der Verwandlung, der Klärung, ja, der Verklärung, der Verheissung und einer Hoffnung, die durch Nächte hindurch trägt; ein Ort des Durchblicks, der Perspektive, der Ein-Sicht, der Kontemplation; ein Ort der Ruhe, der Zurückgezogenheit, des Sabbats; ein Ort, an dem sich das Gewesene und das Werdende, das bereits Vergangene und das noch Zukünftige zur reinen Gegenwart verdichten; ein Ort, an dem die Not zur Sprache kommt und neue Kraft entsteht; ein Ort, an dem die Wunden heilen und die Fragen beantwortet werden können. Ich möchte Ihnen zur Errichtung eines solchen Zentrums im Kontext der Diakonie und der Caritas herzlich gratulieren.
1. Begriffsklärungen
Sie haben mich gebeten, zum heutigen Anlass ein programmatisches Wort zu sagen. Zunächst einiges zur begrifflichen Klärung.
1. Das Wort selbst: was ist das Spiritualität?
Sogar in Kreisen, wo man es besser wissen müsste, bestehen diesbezüglich Unklarheiten. So stand letzthin im Programmheft eines mir lieben Bildungshauses im deutschen Sprachraum ungefähr folgender Satz: „Spiritualität ist ein neues Wort, und Gott sei Dank gibt es keine Autorität, welche die Definitionshoheit dafür innehat“.
Tatsächlich ist Spiritualität heute ebenso ein Mode- wie ein Gummiwort. Es bedeutet alles und jedes und nichts. Spirituell ist zum Beispiel eine Bar mit gedämpftem Licht, oder ein Hotel mit einem bestimmten Wellnessangebot. Und es ist wahr: das Wort hat im deutschen Sprachraum erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts eine allgemeine Verbreitung gefunden. Dennoch muss man folgendes klarstellen:
a. das Wort stammt aus dem Lateinischen und hat eine Jahrhunderte alte Tradition hinter sich;
b. die Sache selbst, die mit diesem Wort bezeichnet wird, war und ist auch im deutschen Sprachraum allgegenwärtig;
c. das Wort gibt es im antiken Latein gar nicht, es ist vielmehr eine christliche Neuschöpfung des 5. Jahrhunderts nach Christus. Es bezeichnet also etwas spezifisch Christliches: es meint jene konkret gestaltete und existenziell vollzogene Lebensform, die aus der christlichen Taufe hervorgeht. Spiritualität ist das erfahrene und bewusst vollzogene Eingetauchtsein in das Christusgeheimnis (Taufe = Eintauchung), das existenzielle Ergriffen- und Geprägtsein durch den Heiligen Geist (spiritus sanctus), Spiritualität ist gleichbedeutend mit Nachfolge Jesu, mit Leben in der lebendigen Verbundenheit mit dem dreifaltigen Gott.
Verstehen Sie mich recht: ich habe nichts gegen eine analoge Anwendung des Begriffs auf nichtchristliche Daseins- und Transzendenzvollzüge. Aber es gibt eine primäre Definitionshoheit, die Autorität von fünfzehnhundert Jahren. Wenn sich das neue Zentrum nicht an der heute allgemeinen Traditionsvergessenheit beteiligen will, muss es sich dem primären Inhalt des Begriffs verpflichtet wissen. Nicht stur, nicht dogmatisch, nicht ab- und ausgrenzend, sondern durchaus offen, dialogisch, in ökumenischer Weite. Nichts, was dem modernen Verständnis von Selbsterkundung, Selbstvollzug, Selbstklärung, Heilwerden, Daseinserfahrung und Begegnung mit dem göttlichen Geheimnis entspricht, soll ausgeschlossen werden, auch nicht Ausdrucksformen und Übungen, die aus anderen Kulturen, Traditionen und Religionen stammen. Aber sie haben in einem Zentrum, das Tabor heisst, einen klaren und eindeutigen Horizont, von dem her sie Sinnrichtung und Perspektive bekommen.
2. Unterschiedliche Spiritualitäten
Insbesondere müssen wir uns vor Abstraktheiten, Allgemeinheiten und Banalitäten hüten. Letzthin war ich in Freiburg/Schweiz in der hervorragenden Ausstellung über „Frauen und Göttinnenidole im Alten Orient“. Da wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei älteren Personen. „Sehen Sie hier: da müssen Sie nur das da wegdenken ( – und zeigte auf einen bestimmten Punkt eines Ausstellungsgegenstandes) und dann haben Sie Christus. Es ist doch alles dasselbe.“ Der andere sagte: „Und wir waren so dumm und haben alles geglaubt. Gott sei Dank, wissen wir es heute besser! Ja, es ist alles dasselbe“.
Nun: ich glaube nicht, dass die grossen Namen, welche hinter dieser Ausstellung stehen, Othmar Keel, Silvia Schroer, Thomas Staubli, eine solche „Ver-Gleich-Gültigung“, eine solche „Gleich-Gültigkeit“, eine Gleich-Setzung der Phänomene vor Augen hatten, geschweige denn, dass sie eine solche Aussage („es ist alles dasselbe¨) akzeptieren könnten. Ikonographie, Bildbeschreibung beschäftigt sich mit Phänomenen, mit äusseren Erscheinungen, mit gemeinsamen Bildstrukturen, mit logischen Bildzusammenhängen usw.. Aber sie hat nicht das Ziel zu sagen, es ist alles mit allem identisch, es ist alles ein und dasselbe.
Ich will das noch etwas verdeutlichen. Vor mir liegen zwei Passbilder: sie zeigen zwei Männer, beide haben schütteres Haar, ein relativ junges Gesicht, beide haben Augen, Ohren, Nase, Mund, Hals, beides sind Brustbilder; von den Bildaussagen her vergleichbar: Dennoch haben Passbilder die Aufgabe, jemanden erkennbar zu machen. Wo kämen wir hin, wenn die Polizei sagen würde: die Personen sind miteinander identisch. Da gibt es doch eine wesentliche Differenz: das eine zeigt Franz Jägerstätter, der unter dem Nationalsozialismus den Kriegsdienst verweigerte und deshalb hingerichtet wurde; das andere Adolph Eichmann, einen der grössten Verbrecher der Menschheit im gleichen nationalsozialistischen System, der eine Opfer, der andere Täter.
Was ich sagen will, ist dies: Mit Äusserlichkeiten, Abstraktheiten und Banalitäten bei Bild- und Textvergleichen noch so grosser Persönlichkeiten wie Jesus oder Buddha entsteht keine Spiritualität. Der Hinduismus hat sein eigenes Gesicht, nicht ein negatives, aber ein anderes. Spiritualität ist nur möglich als Entscheidung zur Wirklichkeit, die einem begegnet, als tatsächliches Eingehen in die eigene Tiefendimension, als Sich-Einlassen auf das Individuelle, Existenzielle, Konkrete, als ganzheitliche Begegnung mit den kulturellen Gegebenheiten und historische Personen, als Verwurzelung in Biographie und Geschichte, als Einbettung in Gegebenes und Grundgelegtes, als vielschichtige und sehr differenzierte Begegnung. „Rettet die Differenzen!“ sagt Jean-François Lyotard, der französische Philosoph.
3. Jesus von Nazareth
Spiritualität entsteht also nicht durch Vergleiche, auch nicht durch Verobjektivierung. Christliche Spiritualität ist nicht das Ergebnis einer distanzierten Betrachtung. Jesus von Nazareth ist zwar gewiss eine Gestalt der Geschichte. Man muss sich ihm notwendiger Weise mit historisch-kritischem Verstand und einer entsprechenden Methode nähern. Das ist Voraussetzung, grundlegende Erkenntnis, auch aus theologischen Gründen Bedingung für das Entstehen christlicher Spiritualität. Man muss sich aber darüber hinaus bewusst sein: durch das historisch-kritische Lesen der Heiligen Schrift entsteht Wissen, nicht Weisheit, Einsicht, nicht aber Erfahrung, Erkenntnis, nicht Spiritualität. Spiritualität entsteht durch Versubjektivierung, durch eine ständige und andauernde Anverwandlung des Geheimnisses Jesu, durch existenzielle Begegnung, durch ein hin- und her fliessendes Geschehen von Angesicht zu Angesicht. Ignatius von Loyola spricht von der „Zusammenstellung des Ortes“ bzw. vom „Aufbau des Schauplatzes“ (= „Compositio Loci“); er meint damit die Aufhebung der räumlich-zeitlichen Distanz zwischen damals und heute, zwischen Jesus, der sich in Jahrhunderte alten biblischen Texten zeigt, und mir, der ich nach Jahrhunderten diesem Jesus begegnen möchte. Ich muss mich sozusagen in die beschriebenen Szenen der Bibel einnisten, mich innerlich beteiligen.
Jahrhunderte lang hat man diese subjektive Anverwandlung des Geheimnisses als mehrstufigen Weg beschrieben, den man Schritt für Schritt zu gehen hatte:
• als einfühlendes Lesen der Schrift (lectio),
• als nachdenkendes, reflektierendes Verstehen (meditatio),
• als existenzielle und ganz persönliche Ant-Wort, als Gebet (oratio),
• als schweigendes und staunendes Verweilen im Geheimnis (contemplatio),
• als kraftvolle Entsprechung in der konkreten Tat (actio).
Spiritualität zielt auf diese Weise methodisch auf die völlige Identifizierung mit Jesus. Paulus prägt dafür die Formel: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Dieser fünfstufigen Anverwandlungsmethode entspricht eine dreifache spirituelle Frage:
• Welche neue Sinnperspektive eröffnet mir der biblische Text? – man nannte das den „allegorischen Schriftsinn“; was ist der hintergründige, eigentlich gemeinte existenzielle Sinn des Glaubens; wie kann ich mich neu verstehen?
• Welche neue Nähe Gottes vermittelt mir der Text? – und nannte das den „anagogischen Schriftsinn; welches sind die Perspektiven, die daraus erwachsen; welches die erfahrbare Aufwärtsbewegung der Hoffnung;
• Zu welchen neuen Taten werde ich durch den Text motiviert? – und nannte das den „moralischen Schriftsinn“; was muss ich tun, welches sind die konkreten Impuls für mein Engagement?
Allmählich entsteht so eine tiefe Erfahrung: nicht wir sind es, die sich Jesus anverwandeln; es ist vielmehr Christus, der sich uns einverleibt: der Jesus von damals ist der Christus von heute. Er verheutigt sich, er vergegenwärtigt sich, er begegnet mir als Auferstandener und Lebendiger im Hier und Jetzt, er gibt sich mir in voraussetzungs- und bedingungsloser Hingabe, er nimmt uns in einem wiederholten Ess- und Trinkvorgang, in der Eucharistie, hinein in sein Geheimnis, in seine vielschichtige Leibhaftigkeit; wir werden zum „Leib Christi.
4. Selbstwerdung
Ich selbst durfte letzthin in einer vierwöchigen Auszeit erfahren, wie sehr eine solche Begegnung zur Wiederfindung meines Standpunktes, meines eigenen Selbst führt. In einer so verstandenen Spiritualität ist uns ein grosses mystisch-therapeutisches Potential anvertraut. Wir können heil, ganz werden.
Über alle Jahrhunderte hin war christliche Spiritualität ein individuelles und therapeutisches Bemühen in den Klöstern, Einsiedeleien, Exerzitienhäusern, geistlichen Zentren, Häusern der Stille, an den Orten des Schweigens, der Ruhe und des Friedens. Stundenlang suchte der einzelne in der eben beschriebenen Art das Geheimnis Gottes, wie es ihm durch Jesus von Nazareth vermittelt ist, und er fand in dem Masse sich selbst, wie er Gott fand.
Überhaupt muss man sagen, dass das Christentum den einzelnen, den heilen und heil sein wollenden Menschen, in einem bisher unbekannten Masse in die Mitte stellt. „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen (Mk 10,17); ja, was ist zu tun, dass ich wirklich lebendig bin an Seele, Geist und Leib – das ist auch heute noch die Frage aller Fragen. Diese geistliche Ichhaftigkeit, die neben anderen antiken Einflüssen zum heutigen Individualismus, vor allem aber zur unveräusserlichen Würde des Individuums führt, ist in den unzähligen Exorzismus- und Heilungsgeschichten Jesu ein- für allemal grundgelegt. „In der Mitte“ (Mk 3,3) oder „abseits vom Gedränge“ (Mk 7,32) stellen diese Erzählungen den aufrecht stehenden, heilen Menschen heraus: Jesus befreit den Geist des Menschen von allen Dämonen, das heisst: von allen äusseren und inneren Kräften, Mächten, Gewalten, Zwängen, Mustern, von allem, was ihn hindert, sich selbst zu sein; er löst das Herz aus allen Verstockungen, Versteinerungen, Verdickungen, Vertrocknungen, dass so etwas wie Gottunmittelbarkeit entsteht: die Liebe von Angesicht zu Angesicht; er stellt die Hörfähigkeit und das Kommunikationsvermögen wieder her; er verhilft zu einem neuen, vertieften Sehen und zu neuen Perspektiven; er hilft auf die Beine, befreit aus allen Gefängnissen, Marginalisierte und Aussätzige macht er gesellschaftsfähig, Exkommunizierte holt er in die Gemeinschaft zurück, er heilt Kranke, ruft Tote ins Leben; er zieht alle in sein intimes Gottesverhältnis, so dass wir nicht nur Töchter und Söhne Gottes heissen, sondern es auch wirklich sind. Wie gesagt, das durfte ich am eigenen Selbst erfahren in meiner vierwöchigen Auszeit.
Irenäus von Lyon hat das alles in einen Satz gebracht, der unmittelbar auf den Berg Tabor verweist: Gloria Dei homo vivens – der Glanz Gottes, das ist der lebendige Mensch. Diese Aufrichtung des Menschen wird sich selbst im Scheitern noch ereignen, der Glanz Gottes wird selbst die tiefste Finsternis durchdringen, wie ich zu einem späteren Zeitpunkt meines Vortrages noch zeigen werde. Erwähnen muss ich das freilich jetzt schon, um zu sagen, dass das mystisch-therapeutische Programm Jesu alle Wellness-angebote, so sehr auch diese genutzt werden sollen, unendlich übersteigt und letztlich etwas ganz anderes ist.
Gerne will ich den Satz des Irenäus von Lyon noch etwas vertiefen mit einem Zitat von Maurice Zundel, dem grossen Erwecker christlicher Spiritualität im französischen Sprachraum, dem „Franziskus des 20. Jahrhunderts“, wie ihn sein Biograph Bernard de Bossière nennt. Ich übersetze: „All unsere Aktivitäten sind bis zu einem gewissen Grad austauschbar; die meisten könnten durch Maschinen getan werden. Die unaustauschbare Tat, das ist das Strahlen des Seins, das Lächeln der Güte, die Beschwingtheit des Herzens: das, was von innen kommt, als absichtslose Gabe. Dadurch ist jedes Sein notwendig und jedes Leben grenzenlos: das Brot, das man kauft und verkauft, kann zum Symbol einer Kommunion werden, wenn die Hände, die sich berühren, und die Blicke, die sich begegnen, das Licht der Seelen durchscheinen lassen. Ist nicht das das grösste Elend, dass so viele menschlichen Reichtümer verloren gehen, dass so viele Wesen nur Zähleinheiten sind, dass so viele Gesichter nur anonyme Masken sind, die sie ihrem Milieu angleichen. Ah! Endlich sich selbst sein, so wie man vor Gott sein muss, ohne die Seele zurückzuhalten und ohne das Unendliche zu verleugnen, das als unerbittlicher Anspruch in einem selbst wohnt. Es gehört auf jeden Fall zu uns, dass wir diesen Anspruch anderen nicht aufzwingen. Vielmehr wollen wir sie umgeben mit einer solchen Demut und mit einer solchen Ehrfrucht, dass sie ihre eigene Seele entdecken und es wagen, diese Seele zum Ausdruck zu bringen. Es gibt kein grösseres Werk als dies, und es gibt nichts, was notwendiger wäre. Nur indem der Mensch seine verdeckte Würde beachtet, wird der Mensch in seinem Geist das Heiligtum einer geheimnisvollen Gegenwart wiedererkennen.“ Wenn das nicht ein grossartiger Aufweis für das ist, was Tabor eigentlich meint und hier in diesem „Tabor“ genannten Zentrum erstrebt und erlebt werden soll. Und gleichzeitig ist das auch ein Hinweis dafür, was der Kern einer diakonisch-karitativen Spiritualität ist! Nur der beseelte und lebendige Mensch kann in einem wirklichen Sinn karitativ sein, Helfer, Hebamme zum Leben.
5. Die Rolle der Kirche, oder: Kirchliche Spiritualität
Angesichts dieser grossartigen mystisch-therapeutischen Spiritualität, die mit Jesus von Nazareth gegeben ist, muss nun auch noch die Rolle der Kirche bedacht werden.
Zum modernen Begriff von Spiritualität gehört ja die Auffassung, dass Spiritualität und Kirche Gegensätze sind. Kirche, Religion – das sind, sagt man, soziologische Wege des Heils, also Wege, die Kollektive gehen: Ritualien, Symbolhandlungen, unhinterfragte Dogmen, institutionell festgelegte Liturgien, usw.. Spiritualität dagegen, sagt man heute, sei der Weg der Selbstwerdung, der Weg, den der einzelne geht, und zwar ausserhalb der kollektiven, sprich kirchlichen Wege.
Das ist auch soziologisch nachweisbar: Spiritualität, ganz allgemein: das Religiöse nimmt zu, gleichzeitig aber schrumpfen traditionelle Religionsformen und kirchliche Praxis. Spiritualität ist, meinen immer mehr Leute, etwas, was man nicht in der Kirche finden kann und was man darum anderswo suchen muss.
Dies ist gewiss ein grundlegendes Missverständnis. Aber allzu schnell sollten wir nicht über diese weitverbreitete Meinung hinweg schreiten. Die heutige Kirchenverdrossenheit ist allgemein, und wo ist denn das Feuer, das von Kirche und Orden ausgeht?
Von der Institution Kirche bzw. ihren Bischöfen, von uns Priestern und Ordensleuten, von den beamteten Laien kommt dem Menschen heute wenig vom Glanz entgegen, der durch das Taborereignis eigentlich möglich wäre. Da gibt es zu viele verbetonierte Gesichter, zu viel Hartherzigkeit, zu viel Unverständnis gegenüber den Bedürfnissen moderner Menschen und vor allem zuviel Selbst-Herrlichkeit – aber Tabor-Herrlichkeit? Aus dem Hirtenschreiben des neuen Bischofs von Chur über die Eucharistie kommt einem eine derart eiskalte Sprache entgegen, dass es alle in die Flucht schlägt, die den wärmenden Lichtglanz Tabors suchen. Immer weniger Menschen erkennen in der Kirche, insofern sie Institution ist, das leuchtende Antlitz Jesu, das offene Herz und die ausgestreckte Hand Gottes. Derivate, Ableitungen wie Dogmen, Traditionen, Institutionen können von vielen nicht mit Jesus zusammengebracht werden. Es gelingt uns nicht mehr, dies alles auf Jesus hin durchsichtig zu machen.
Dies gesagt, muss nun aber betont werden: die Kirche ist nicht etwas Sekundäres, etwas, das zur Aufrichtung des einzelnen Menschen hinzukommt. Kirche – das entsteht im gleichen Augenblick, in dem Jesus seine mystisch-therapeutische Sendung verwirklicht. Gleichzeitig beruft er Menschen, die an dieser Sendung teilhaben und sie – wenn auch in einer provisorischen Weise und innerlich mit ihm verbunden - weiter führen sollen. Jesus ruft in seine Gemeinschaft in das intime Gottesverhältnis, das er selber lebt, in das „Bei-ihm-Sein“ und in das Bleiben in seiner Liebe, wie das Johannes sagt. Kirche entsteht also nicht nachträglich – etwa durch Paulus oder durch Institutionalisierung oder Dogmatisierung von etwas, was vorher blosses Ereignis bzw. blosses Charisma war. Kirche ist das Miteinander der von Christus Gerufenen, Geheilten, Gesandten. Sie ist selbst eine spirituelle Wirklichkeit, und Spiritualität hat deshalb von Anfang an einen ekklesialen Charakter . Was ich sagen will, ist dies: Spiritualität und Kirche gehören zusammen. Nur eine spirituelle Kirche ist die Kirche Jesu Christi. Spiritualität ist nicht nur der Weg des Individuums, sondern auch der Weg einer Gemeinschaft. Mehr noch: der eigentliche Ort christlicher Spiritualität ist die Kirche, ihre Liturgie, ihr Festtagskalender, ihr innerstes Wesen. Ganz einfach deswegen: weil Jesus Christus sich als Auferstandener in ihr aktualisiert und als sprudelnde und lebendige Quelle zeigt. Das ist der Brunnen, aus dem der einzelne trinkt. Gertrud die Grosse, Angela von Foligno, Franz von Assisi, Bernhard von Clairveaux, überhaupt alle grossen Namen der christlichen Spiritualität, folgten in ihrer mystischen Dynamik der sakamental-liturgischen Logik des Kirchenjahres. Ihr Ort ist der Gebetsraum, vor dem Kreuz, beim Chorgitter, ihre Zeit nach der Komplet, nach der Beichte, im Augenblick, in dem die Hostie erhoben wird, nach der Kommunion, am Hohen Donnerstag, usw.. Diese Orts- und Zeitangaben stammen allesamt aus den Selbstzeugnissen der genannten Heiligen. Eine christliche Spiritualität ausserhalb der Kirche gab es eigentlich nicht. Um so provokativer ist die Aussage, dass man heute der Kirche Spiritualität nicht mehr zutraut und darum oft aus sehr zufälligen und trüben Gewässern trinken muss.
2. Spiritualität im mystischen Dreieck Taufe – Tabor – Kreuz
Lassen Sie mich nun diese christliche Spiritualität noch etwas vertiefen, und zwar aus dem „mystischen Dreieck“, wie es sich aus dem Markusevangelium ergibt. Dieses Dreieck gibt sich als solches klar zu erkennen: Da ist nicht nur die gross angelegte Erzählstruktur, die sich von der Taufe Jesu (Mk 1) über die grossartige Wesensschau auf dem Tabor (Mk 9) bis zum Kreuzestod (Mk 15) erstreckt. Da ist auch die innere Struktur der drei Erzähltexte und die ihnen gemeinsamen Motive, die uns die faszinierende spirituelle Lebensform Jesu offenlegen:
1. Das Bekenntnis
Da ist drei Mal das Bekenntnis Gottes bzw. der Menschen: „Dies ist mein geliebter Sohn“ bzw: „dieser war wahrhaftig Gottes Sohn“ – ein Mensch, der in einem besonderen Verhältnis zu Gott steht bzw. gestanden ist; jemand, der ganz und gar aus der Substanz Gottes lebt, aus seinem Willen, in seiner Kraft; ein Mensch, der ganz und gar für das Geheimnis und die Gegenwart Gottes durchlässig ist, eine Präsenz einer ganz anderen Präsenz, eine menschliche Gegenwart, die von Gottes Gegenwart dermassen erfüllt ist, dass man dann nicht einfach nur von einer heiligen Person unter anderen Heiligen sprechen konnte, sondern man fühlte sich von innen her, aus mystischer Tiefenerfahrung her gedrängt, vom Sohn Gottes in einem einmaligen und unaustauschbaren Sinn zu sprechen. Mit der Konsequenz, dass der Mensch in seinem Menschsein neu definiert wird: wir sind in dieses Geheimnis hineingenommen, wir heissen Kinder Gottes, wir sind Söhne und Töchter Gottes.
Dies gilt für uns selbst, die wir Hilfsbedürftigen Menschen begegnen wollen, aber auch für die, denen wir mit unseren Angeboten und Ratschlägen begegnen. Wir sind umgriffen von einer göttlichen Dimension. In einem solchen Rahmen, bei einem solchen Selbstverständnis, bei einer solchen Einschätzung des anderen bekommt auch die diakonische und caritative Tätigkeit eine unvorstellbare Tiefe und Weite.
2. Der Riss in der Wirklichkeit
Dies führt zu einem Zweiten: Da ist drei Mal ein Riss in der Wirklichkeit. Die Begrenzung, welche unsere Realität immer aufweist, wird entgrenzt. Der Himmel öffnet sich, die Stimme Gottes ist zu hören, seine Herrlichkeit erscheint bzw. der Vorhang des Tempels zerreisst von oben nach unten. Wir sind in eine offene Zukunft gestellt, die grösser ist als die ganze sinnlich-irdische Wirklichkeit. Jeder und jede ist Gott unmittelbar, niemand muss sich durch einen anderen, eine andere vertreten lassen. Gott ist gegenwärtig, selbst in der dunkelsten Nacht noch, auch in der grössten Tragik, im Schweigen Gottes, ja in der Gottverlassenheit und in jeder denkbaren Hölle noch. Es gibt keinen gottleeren Raum mehr – und nicht wer immer den Namen Gottes auf den Lippen trägt, bezeugt christliche Spiritualität, sondern nur wer sich in liebender Hingegebenheit vollendet.
Hier wird deutlich, dass christliche Spiritualität mehr und etwas ganz anderes ist als Wellness, weniger eine fromme Übung als eine lebenslange Praxis der Liebe, bedingungslose Caritas.
3. Gewaltlose Messianität
Da ist das messianische Selbstverständnis Jesu, das in diesen drei Texten ausgesagt wird, beziehen sie sich doch alle auf entsprechende Aussagen in Psalm 2 und in den Gottesknechtliedern. Jesus erfährt in seiner Taufe die Berufung zum gewaltlosen Gottesknecht. Von Anfang an bis zu seinem Tod am Kreuz soll Jesus die irdische und menschliche Welt verändern, erlösen, befreien. Im Erleiden der Gewalt, nicht durch Gewalt, soll er Gott vergegenwärtigen und das Menschsein des Menschen bewirken. In der reinen, selbstvergessenen Liebe soll sich ereignen, was sonst nicht erreichbar ist: eine Welt, in der der Glanz Gottes auf allem Irdischen erscheint. Nicht nur auf dem Antlitz des Menschen, sondern überall in der Schöpfung: deswegen weilt der frisch berufene Messias in der Wüste „unter wilden Tieren, und Engel kamen und dienten ihm“ (Mk 1, 13), und deswegen werden die Jünger und Jüngerinnen am Ende des Markusevangeliums zu „allen Geschöpfen“ (Mk 16,15) gesandt. Es geht wirklich um das Land, von dem die Taube dem Noah „ein frisches Ölblatt“ (Gen 8,11) bringt, um eine Schöpfung, in der nur noch die Liebe und das Leben zählen.
Von daher wird vielleicht auch deutlich, dass nicht nur der Vollzug der Transzendenz, also die vertikale Gottbegegnung, nicht nur die Beziehung zwischen Mensch und Gott zur christlichen Spiritualität gehört, sondern eben auch die horizontale Ausgestaltung des Lebens: Caritas, Solidarität, Engagement, Aktion…., eine Polarität: Kontemplation und Aktion, ein Pendel, das nie zur Ruhe kommen darf.
Die Taube steht also vor allem für das messianische Projekt, für die gewaltlose Liebe, für die Caritas, die sich in die Not der Zeit und in die gesellschaftlichen Verhältnisse hineinzeugt.
Noch ein zweites wird verständlich: Markus berichtet uns von der Anwesenheit des Bräutigams, von der göttlichen Hochzeit, die das Fasten unmöglich macht und eigentlich nur das grosse Fest der Liebe zulässt. Dann fügt er hinzu, dass „ihnen der Bräutigam entrissen wird“ und dass dann das Fasten angezeigt ist (Mk 2,20). Christliche Spiritualität lebt von einem tragischen Trauma: was ein Fest der Liebe hätte werden können, schlägt abrupt um in den Entzug: mitten in der Hochzeitsnacht, aus dem göttlichen Ehebett sozusagen wird der Geliebte geraubt. Wir leben in dieser Zeit, in der geraubt und getötet wird, in einer Welt der Gewalt, des Scheiterns. Mit der Tatsache des gewaltsamen Todes des Gewaltlosen dürfen wir uns nicht so schnell abfinden. Die Realität, in der wir leben, fordert weiterhin das gewaltlose und liebende Engagement für das Reich Gottes. Und wir können dabei müde werden, sehr müde, vielleicht sogar bis zur schieren Verzweiflung.
4. Tabor: der lichtvolle Hintergrund
So düster die tagtägliche Realität, unsere eigene Müdigkeit und Not, so schrecklich der Hungertod so vieler, die Gewalt und der Terror überall ist, so notwendig das Engagement in einer solchen Welt ist, Tabor zeigt den lichtvollen Hintergrund, die Verheissung, auf die unsere Welt hinsteuert.
Sich dieser Verheissung zu vergewissern, sich selbst neu zu verankern, vielleicht sogar heil zu werden – dazu braucht es Taborstunden, Zeiten und Räume, in denen das Eigentliche und Wesentliche durchscheint – um dann – nach einer Weile – wieder in die Welt zurück zu kehren, in der „der Bräutigam entrissen ist“. Sich auf Tabor einzurichten, ist uns leider verwehrt.