Franziskanerinnen von Reute
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Bericht von Karina über ihren Einsatz in Indonesien

Karina Brüstle war als Missionarin auf Zeit eingesetzt im Kinderdorf Hiliweto bei Sr. Hildegard und bei Sr. Ingeborg auf Tello. Diese Insel hatte es ihr angetan. Sie schreibt über diese Zeit in einem „Erzählbericht:“

Die Entdeckung des Paradieses

Vorwort
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte sich in den Kopf gesetzt, noch etwas von der weiten Welt zu sehen, bevor es mit dem Ernst des Lebens, dem Studium, anfangen würde.
Nach einjähriger Vorbereitung und reichlicher Unterstützung der Franziskanerinnen von Reute und der Spiritaner aus Stuttgart war am 12.Juli 2007 der Backpack gepackt und das kleine Mädchen stieg in das große Flugzeug und flog als MaZ (Missionarin auf Zeit) in Richtung ihres Geburtslandes Indonesien.

Die Ankunft
Wenn man aus der kühlen Flugzeughalle heraustritt, läuft man gegen eine Wand. Es ist laut -etwas ganz typisches für Indonesien, es ist immer laut- Autohupen, Flugzeuglärm, Gelächter, Stimmengewirr und anfangs ist es angenehm warm, so als ob man in eine heiße Badewanne taucht, aber dann wird es schnell zu heiß, die Luft ist zu stickig und bevor man den übereifrigen Taxifahrern verständlich machen kann, dass man schon abgeholt wird, ist man von oben bis unten durchgeschwitzt. So richtig kann man`s noch gar nicht begreifen, in weniger als 14 Stunden am anderen Ende der Welt angekommen zu sein und noch unvorstellbarer ist, dass man bestimmt noch einmal solange braucht, um eine weitaus geringere Strecke (nämlich die von Medan, nach Pulau Tello, einer kleinen Insel südlich von Nias) zurückzulegen.

Pulau Tello
Nach abenteuerlicher Reise mit dem schnuckeligen kleinen Flieger mit 20 Sitzen komme ich endlich auf der Insel Tanah Masa an, und von dort mit dem Boot direkt ins Paradies. Hohe Palmen, strahlend blauer Himmel und klares, blaugrünes Meer, grelle Sonne – kurz, ein Ausschnitt aus einem Reiseprospekt. Im Schwesternhaus angekommen, begrüßt mich auch gleich Schwester Ingeborg mit einem herzlichen: „Guck, jetzt hat`s doch no` klappt!“, und stellt mir Sr. Yulita, Sr. Beatrix und Sr. Martina vor.
Das Paradies hat einen Umfang von etwa fünfzehn Kilometern, bei einer Umrundung mit der Honda (denn Autos gibt es auf Tello so gut wie keine) braucht man eine Dreiviertelstunde, weil man langsam fahren muss, um die über den Weg laufenden Schweine, Hühner und Ziegen zu umfahren (ich habe natürlich viel länger gebraucht, um den Urwald links und das Meer rechts neben mir zu bestaunen). Der Konvent ist ein viereckiger Bau, in dessen Mitte ein Garten und ein Teich stehen, die Zimmer sind drumherum angeordnet. Ich bin auch stolze Besitzerin eines Privatbrunnens in meinem Zimmer! Das stehende Süßwasser ist bestimmt auch der Grund für die vielen Moskitos, die ich schon bei meiner Ankunft praktisch hören konnte: „Haha, Frischfleisch! Auf sie mit Gebrüll!“ Noch nie war ich so froh über mein Antibrumm. Und nachts hat man wenigstens unter dem Moskitonetz seine Ruhe.
Das Essen ist richtig gut, frischer Fisch mit Reis, Gemüse und Obst. Sr. Ingeborg hat sich hohe Ziele gesetzt und im Garten Bohnen und Zucchini gepflanzt, allerdings in Blechtrommeln, weil die Krabben unter der Erde nachts alles wegfressen, was man tagsüber gepflanzt hat. In diversen Blumentöpfen werden auch immer wieder Versuche mit importierten Essiggurken-, Kräuter-, und Sonnenblumenkernen gestartet. Verrückt bin ich nach den Muscheln, die überall am Strand herumliegen und die ich unter den ungläubigen Blicken einiger Kinder gesammelt habe („Für was brauchst du die denn? Was machst du denn damit?“). Neben der Poly ist die Nähschule, in der die Mädchen des Asramas das Schneidern erlernen. Von Yuri habe ich ein traumhaftes, maßgeschneidertes Kleid bekommen, das ich zu den Gottesdiensten anhatte, und fiel so unter all den hübschen Indonesierinnen mit ihren „Ballkleidern“ kaum mehr auf.



paradiesische Landschaft

Die Poliklinik

Die Poli besteht aus einem Behandlungszimmer, einem kleinen Zimmer für die Medikamente und zwei Zimmern, in denen Patienten untergebracht werden können. Relativ neu ist das OP-Zimmer, in dem oft Blinddärme operiert werden. Schon morgens ist die Bank vor der Poly voll mit wartenden Patienten, die oftmals schon einen langen Weg von umliegenden Inseln hinter sich haben und untereinander ein Schwätzchen austauschen und warten, bis sie drankommen. Die Atmosphäre in der Poly kann man gar nicht beschreiben. Immer ist etwas los, am Tag behandeln wir rund 40 Erwachsene und 15 Kinder und gerade, wenn man denkt, eine Pause einlegen zu können, kommt doch noch jemand, der sich ungeschickt in die Hand geschnitten hat oder irgendwo heruntergefallen ist. Die gute Zusammenarbeit eines eingeschweißten Teams (hinzu kommen noch Krankenschwester Clara und Doktor Derek) und die vielen interessanten, täglich neuen Abenteuer lassen die Arbeit zum Vergnügen werden. Insbesondere Sr. Ingeborgs schwäbischer Humor bringt mich oft zum Lachen. („Steckschd alle in oin Sack, hauschd drauf, triffschd immer den Richtigen!“)
Sicher hat mich auch einiges regelrecht geschockt, so zum Beispiel die vielen Geschichten, die man durch die Patienten mitkriegt. Ein heikles Thema waren die auf Tello noch stark verwurzelten, indonesischen Traditionen. Sicher war mir Zwangsheirat schon vorher ein Begriff, das alles aber so nahe mitzuerleben ist noch einmal etwas ganz anderes. Auch die Armut, in der manche Bewohner Tellos, aber vor allem die Bewohner der umliegenden Inseln leben, hat mir sehr zu schaffen gemacht. Für arme Patienten, die in die Klinik kommen, wird ganz selbstverständlich der Preis angeglichen und ein Sack Reis steht auch bereit.
Oft machen wir Hausbesuche um Patienten zu versorgen, die nicht von allein in die Klinik kommen können. Ein Beispiel ist der junge Indonesier, der beim Kokosnussernten von einer Palme gestürzt und seitdem vom Becken abwärts gelähmt ist. Überrascht hat mich auch die gute Zusammenarbeit mit dem „Dukun“, einem Heilmann, der mit einheimischen Methoden die Tätigkeiten der Poliklinik ergänzt. Tello steckt voller Geschichten und Geheimnisse, es genügt, ein bisschen nachzufragen und man bekommt die unglaublichsten Erzählungen über Geister und Kräfte zu hören.
Mit dem Boot „Elisabeth“ sind wir auf die umliegenden Inseln gefahren, immer zwei Koffer voller Medikamente dabei, um die häufigsten Leiden (hoher Blutdruck, Malaria und Durchfall) zu lindern. Große Ereignisse sind für mich als angehende Medizinstudentin auch die Operationen, bei denen ich (in professioneller Kluft eingekleidet) assistieren darf. Wenn ich daran denke, dass wir nur nachts operieren können, weil tagsüber der Strom fehlt, dass mitten in einer Operation schon mal das Licht ausgeht und mit Taschenlampe und Notstromaggregat weiter gemacht wird, dass Bluttransfusionen und Intubation hier Fremdwörter sind und wir manche Operationen verschieben mussten, weil in unseren kleinen Krankenzimmern schon alles überfüllt war, dann fällt mir nur der Satz ein, den Schwester Ingeborg dazu gesagt hat: „Des glaubt dir dahoim koiner!“



Das Boot ist der alltägliche Linienbus

ganz am Strand: die Kirche von Tello, dahinter befindet sich die Station mit Poliklinik, Kindergarten, Nähschule, Asrama usw.

Die Menschen leben in armen Wohnverhältnissen. Wichtig: Man muss möglichst hoch wohnen... immer wieder steigt das Wasser!

Sogawu

Dienstags ist Sogawu-Tag!
Auf der nahe gelegenen Insel Sogawu haben die Schwestern ein Bildungszentrum aufgebaut, in dem Kindern regelmäßig lesen, schreiben und rechnen beigebracht wird. Zusammen mit Sr. Martina und Sr. Beatrix durfte ich nachmittags den Unterricht übernehmen. Aus Sprachbarrieren (die Kinder sprechen nur bruchstückhaft Indonesisch und ich kann leider kein Niassisch) habe ich mich immer in die Mathematik geflüchtet, zum Glück ist auch am andern Ende der Welt 1+1 immer noch zwei! Mit kleinen Bambusstöcken wird addiert und subtrahiert, bis am Abend eine warme Milch an alle ausgeteilt wird und wir wieder den Rückweg antreten.



Die Kinder vonTello sind von Kindes Beinen an mit dem Meer vertraut

Sr. Beatrix mit Kindern am Strand

auch die Kleinen sollen nicht zu kurz kommen

zwei aufmerksame Schüler

Karina als Lehrerin

Karina mit den Nähschülerinnen - im "traumhaft maßgeschneiderten Kleid"

Epilog

Nach vielen erlebnisreichen Wochen musste das kleine Mädchen schweren Herzens Abschied nehmen von der paradiesischen Insel und ihren freundlichen Bewohnern. Mit nach Deutschland nahm sie kiloweise Muscheln, ein wunderschönes Kleid, viele Erinnerungen an spannende, fröhliche, traurige und interessante Momente und die tiefe Dankbarkeit zu allen, die ihr diese Reise mit allen ihren Erfahrungen ermöglicht hatten.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann kommt sie immer wieder zurück...
                                           Karina Brüstle (März 2008)

 

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